Verständnis ermöglichen durch Leichte Sprache

An der Universität Hildesheim liegt ein besonderer Fokus auf dem Forschungsbereich Barrierefreie Kommunikation. Als einzige Universität im deutschsprachigen Raum hat sie eine Forschungsstelle zu Leichter Sprache. Die Gründerin der Forschungsstelle, Christiane Maaß, erläutert, welche Herausforderungen juristische Texte an Laien stellen, und erklärt, warum Leichte Sprache hier von großer Bedeutung ist.

(gekürzt erschienen in: das budget Nr. 82, Oktober 2018)


Texte der juristisch-administrativen Kommunikation gehören der Fachkommunikation an und sind für viele BürgerInnen nicht verständlich. Diese Texte sind justiziabel und können vor Gericht, d.h. in einem Austausch unter ExpertInnen, also RichterInnen, StaatsanwältInnen, AnwälIinnen, dazu benutzt werden, Ansprüche durchzusetzen. Sie sind deshalb in einer Sprache formuliert, die mit Fachwörtern durchsetzt ist; das betrifft alle Arten von Fachkommunikation. Die Besonderheit der juristisch-administrativen Fachsprache ist jedoch, dass diese Fachwörter nicht unbedingt als solche erkennbar sind: Juristische Laien denken bei „Entscheidung über die Unterbringung“ in ihrer Betreuungsverfügung an „Wo soll ich wohnen?“. Sind sich nicht unbedingt klar darüber, dass sie mit dem Kreuzchen an dieser Stelle verfügen, dass ihr/ BetreuerIn über eine Zwangseinweisung gegen ihren Willen entscheiden kann. Hinzu kommt bei diesen Texten ein schwer verständlicher Satzbau, der meist verschachtelte nominale Strukturen und häufig mehrere Nebensätze aufweist, um die diversen Fälle und Ausnahmen auch wirklich rechtssicher zu benennen. Schon durchschnittliche LeserInnen werden hier schnell an ihre Grenzen gebracht.

Die Schuldenberatung hat nun aber oft mit Menschen zu tun, die nicht dem Durchschnitt der Gesellschaft, sondern vulnerablen Gruppen angehören; diese weisen häufig unterdurchschnittliche Einkommen auf oder sind von staatlichen Hilfen abhängig. Sie sind mit dem Rechtssystem wenig vertraut und haben im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mehr gesundheitliche Probleme, die mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit einhergehen können. Außerdem haben sie häufig eine geringere Lesefähigkeit – im Falle von Menschen mit Migrationshintergrund zumindest mit Blick auf die Amtssprache des Landes, in dem sie sich befinden. Sie sind daher in geringerem Maße als der Bevölkerungsdurchschnitt in der Lage, ihre Rechte zu erkennen und Hilfsangebote zu verstehen und im nächsten Schritt als Handlungsorientierung für sich aufzunehmen. Dies ist aber die Grundlage dafür, dass sie in ein wirtschaftlich eigenständiges Leben (zurück) finden können. Es ist daher von großer Bedeutung, ihnen barrierefreie Kommunikationsangebote vorzulegen, die sich an ihrer Lese- bzw. Kommunikationsfähigkeit ausrichten.

Verständlichkeitsforschung und Fachkommunikation

Die Leichte Sprache ist ein solches Instrument. Es handelt sich dabei um eine verständlichkeitsoptimierte Form des Deutschen, die sich an den Bedarfen von Menschen mit Kommunikationseinschränkungen ausrichtet. Sie setzt auf den Erkenntnissen der Verständlichkeitsforschung auf, die seit Jahrzehnten erforscht, was Texte schwierig macht: unbekannte Fachwörter in langen, informationsreichen Sätzen, die in Bezug auf die handelnden Personen unklar sind und wenig oder keinen Bezug nehmen auf die Situation, in der sie aufgenommen werden. Hinzu kommen differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu den konkreten Bedarfen unterschiedlicher Personengruppen mit Kommunikationseinschränkungen mit und ohne Behinderung sowie Erkenntnisse über Übersetzungsprozesse in der Fachkommunikation. Diese Erkenntnisse fließen ein in die Forschung zur Fachkommunikation in Leichter Sprache und insgesamt zur Barrierefreien Kommunikation, die sich seit einigen Jahren zunehmend als eigener Forschungskontext etabliert.

Das folgende Beispiel entstammt einem Projekt der Forschungsstelle Leichte Sprache mit dem Niedersächsischen Justizministerium, in dem unterschiedliche Texte der juristisch-administrativen Kommunikation (z.B. eine Zeugenladung, ein Formular mit einem Antrag auf Anregung zur Einrichtung einer Betreuung, Informationen über das Erbrecht und über das deutsche Justizsystem) in Leichte Sprache übersetzt wurden.

Der Ausgangstext:

Bei allen Amtsgerichten und bei den Arbeitsgerichten sind Rechtsantragstellen zu finden, in denen rechtsuchenden Bürgerinnen und Bürgern kostenlos geholfen wird, Anträge und Erklärungen zu formulieren, die dem Gericht zugeleitet werden sollen.

Übersetzung in Leichte Sprache:

Sie möchten dem Gericht etwas mitteilen?
Dann müssen Sie einen Antrag oder eine Erklärung schreiben.
Sie brauchen dabei Hilfe?
Dann können Sie zu einer Rechtsantrag-Stelle gehen.
Die Mitarbeiter von der Rechtsantrag-Stelle helfen Ihnen.
Die Hilfe ist kostenlos.
Die Rechtsantrag-Stellen sind im Amts-Gericht.

 

Der Ausgangstext weist hier nicht einmal ein hohes Maß an Fachbegriffen auf, es handelt sich aber um einen Satz mit 31 Wörtern und drei Nebensätzen, davon zwei Relativsätze. Die Forschung hat mehrfach nachgewiesen, dass Relativsätze, insbesondere solche mit Präpositionen („in denen …“) besondere Herausforderungen an die LeserInnen stellen, u.a. weil sie zu ihrem Verständnis grammatische Kenntnisse erfordern. „Die“ kann an Bezugswörter im Singular wie im Plural anschließen, im Plural an männliche wie weibliche – so auch im vorliegenden Fall: „Anträge, die“. Hier steht das Bezugswort nicht einmal direkt beim Relativum. Im Zieltext in Leichter Sprache wurde der lange Satz in sieben Sätze aufgegliedert. Die LeserInnen werden direkt angesprochen und es wird auch benannt, wohin man sich konkret wenden muss, um die beschriebene Leistung abzurufen.

Allerdings zeigt sich ein Dilemma: Der Zieltext in Leichter Sprache ist um einiges länger, 42 statt 31 Wörter. Durch die transparentere Darstellung und die Anreicherung mit Erklärungen und konkreten Handlungsinformationen ist der Text in seinem Umfang angewachsen. Selbstverständlich ist es unakzeptabel, LeserInnen mit Kommunikationseinschränkungen überlange Texte vorzulegen. Die Übersetzungsprojekte in Leichte Sprache gestalten sich daher als fordernd: In Abstimmung mit den Auftraggebern müssen die ÜbersetzerInnen häufig eine Informationsauswahl vornehmen oder Textteile auslagern („Sie möchten sich ausführlicher über xy informieren? Dann finden Sie hier weitere Informationen.“). Außerdem müssen die Leichte-Sprache-ÜbersetzerInnen die Ausgangstexte in einer Weise verstehen, die es ihnen ermöglicht, Implizites an die Oberfläche zu holen. Sie müssen die Zielsituation antizipieren können, in der die Texte zum Einsatz kommen.

Barrierefreiheit als gesellschaftliche Aufgabe

Die barrierefreie Aufbereitung von Fachtexten, insbesondere der juristisch-administrativen, aber auch der medizinischen Kommunikation, ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, die wahrgenommen werden muss, wenn die Gesellschaft tatsächlich an mehr Partizipation von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Bedarfen interessiert ist. Fachtexte in Leichter Sprache erleichtern auch das professionelle Handeln der ExpertInnen, wenn sie mit kommunikationseingeschränkten Personen zu tun haben, z.B. in der Schuldenberatung, aber auch insgesamt beim Amt, bei der Arzt/Ärztin-Patient/in-Kommunikation oder im Fachunterricht in der Schule. Stehen keine Textangebote zur Verfügung, so wird die Verantwortung für die gelingende Kommunikation allein auf die ExpertInnen abgewälzt, die ad hoc schwierige Fachtexte, die der Gegenstand einer Interaktion sind, für Personen mit Kommunikationseinschränkungen zugänglich machen müssen. Das gelingt nicht immer optimal; hier kann durch angemessene Texte eine deutliche Entlastung geschaffen werden, von der alle Seiten profitieren.

Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich hier die interessante Aufgabe, auf die bestehende Forschung aufzubauen und auch neue Erkenntnisse zu erzielen – beispielsweise durch Studien zur Textverständlichkeit mit kommunikationseingeschränkten ProbandInnen oder durch übersetzungswissenschaftliche Studien zu den Übersetzungsmöglichkeiten bei konkreten Textsorten. Um diese Art von Forschung voranzubringen und einen Übertrag der Ergebnisse in die Praxis zu befördern, habe ich vor ca. fünf Jahren an der Universität Hildesheim die Forschungsstelle Leichte Sprache gegründet. Zusammen mit meiner Kollegin Ursula Bredel, ebenfalls Professorin an der Universität Hildesheim, habe ich die drei Bände „Duden Leichte Sprache“ (Grundlagenwerk, Ratgeber, Arbeitsbuch) verfasst, in denen der Stand der Forschung dargestellt wird, aber auch ein konkreter Anwendungsbezug erfolgt. Zusammen mit meiner Kollegin Isabel Rink, die Geschäftsführerin der Forschungsstelle Leichte Sprache ist, habe ich das Handbuch Barrierefreie Kommunikation herausgegeben, das in einigen Wochen im Verlag Frank & Timme erscheint und den größeren Forschungs- und Anwendungskontext zu den unterschiedlichen Formen der Kommunikation ohne Barrieren über die Leichte Sprache hinaus (z.B. Schriftdolmetschen, Audiodeskription, Gebärdensprachdolmetschen, Unterstützte Kommunikation, aber auch die Rechtssituation zur barrierefreien Kommunikation und vieles mehr) darlegt. Und schließlich hat die Forschungsstelle Leichte Sprache zusammen mit der Duden-Redaktion den mit 1.500 Euro dotierten Preis für die beste Fachübersetzung in Leichte Sprache ausgeschrieben, der erstmals im Oktober 2018 auf unserer internationalen Tagung „Barrierefreie Kommunikation“ in Hildesheim verliehen wird. Zwar sind in den vergangenen Jahren viele Texte in Leichter Sprache entstanden, aber es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns.

 
 
 

 

 

 

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