Kulturell bedingt?

Gibt es in der Beratung von „Menschen mit Migrationshintergrund" besondere Herausforderungen? Schon beim Aspekt Sprache und Verständnis wird klar: Es ergeben sich spezielle Techniken der Gesprächsführung und besondere Erfordernisse der Selbstreflexion für BeraterInnen. Die relevante Kategorie ist weniger die Migrationserfahrung, sondern vielmehr Bildungsniveau und soziale Schicht. Verständliche Sprache erleichtert all unseren KlientInnen mit unterschiedlichen Benachteiligungen den Zugang zu Informationen.
von Zuhal Holler, Schuldnerberatung Wien

(gekürzt erschienen in: das budget Nr. 84, November 2019)


Fremde, FremdarbeiterInnen, GastarbeiterInnen, AusländerInnen, EinwandererInnen, Diverskulturelle, Drittstaatsangehörige, NeubürgerInnen, TransmigrantInnen, Wurzeln mit..., Türkischstämmige (auch wenn jemand bspw. Kurde war), ZuwanderInnen, ImmigrantInnen, MigrantInnen, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, Menschen mit nichtdeutscher Muttersprache, Menschen mit Migrationshintergrund usw.

All diese unterschiedlichen Begrifflichkeiten unterliegen einem historischen Wandel und spiegeln stets auch herrschende Diskurse im Umgang mit dem Phänomen „Migration" wider. Vor einiger Zeit habe ich erfahren, dass die neuste Definition „Menschen mit Migrationshintergrund" an die Staatsangehörigkeit und/oder den Geburtsort anknüpft. Während in Deutschland eine Person, die selbst oder bei der mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde, als Mensch mit Migrationshintergrund bezeichnet wird, ist in Österreich der Migrationshintergrund an den Geburtsort gebunden. Personen, deren Elternteile beide im Ausland geboren wurden, bezeichnet man in Österreich als Personen mit Migrationshintergrund.

In der Schuldnerberatung Wien werden die Fragen nach Geburtsland und Staatsbürgerschaft zwar gestellt, jedoch sind diese Daten nach beiden aktuellen Definitionen nicht ausreichend um festzustellen, wie groß die Gruppe der KlientInnen „mit Migrationshintergrund" ist. Auch existiert seitens der Schuldnerberatung Wien keine festgelegte Definition dazu, die statistisch erfasst wird. Von der Definition hängt aber ab, wie groß eine Gruppe ist. Teilweise sind die Bezeichnungen ziemlich verwirrend. Das verlockend kürzere Wort „MigrantIn" ersetzt eine Gruppe von Menschen, die ohne klare Definition zu einer Migrationsbewegung gehören. Daher werde ich auch in weiterer Folge dieses Wort verwenden und erklären, warum die Kategorie „MigrantIn" auch in der Beratung eng- und irreführend sein kann.

Im Allgemeinen werden die Beratungen in der Schuldnerberatung Wien auf Deutsch oder von einigen BeraterInnen auch auf Englisch angeboten. Wenn eine Person zufällig bei mir oder fünf meiner mehrsprachigen KollegInnen ist, kann die Beratung auch in Türkisch, Ungarisch, Serbisch, Kroatisch oder Bosnisch geführt werden. Wer in die Schuldenberatung kommt, befindet sich in der Regel seit einiger Zeit in Österreich und hat eigene Ressourcen, aus denen auch die Verbindlichkeiten, die jetzt ein Schuldenproblem darstellen, entstanden sind. Auch ist die Schuldnerberatung Wien keine Beratungsstelle, die unmittelbar nach der Migration ins Land besucht wird.

Reale und gedachte Sprachbarrieren

Die Sprachkenntnisse hängen sehr stark vom Bildungsniveau ab. Die Mehrzahl unserer KlientInnen (mit oder ohne Migrationshintergrund) hat das Problem des sekundären Analphatismus. In erster Linie sind es nicht die Schreib- und Lesekenntnisse, sondern die Fähigkeit, einen Text sowie komplexe Inhalte verstehen zu können. So fragte mich nach einer Tagsatzung ein Klient mit Muttersprache Deutsch, was denn das Ergebnis dieser Verhandlung nun sei. Er habe nichts verstanden und wisse nicht, worum es denn geht. Nicht selten bekomme ich Anrufe von KlientInnen mit Muttersprache Deutsch, die nach der Aufhebung des Schuldenregulierungsverfahrens denken, dass das Verfahren gescheitert sei. Auch nach Ende eines Abschöpfungsverfahrens werden KlientInnen vielfach unsicher, wenn sie lesen, dass die Restschuldbefreiung erteilt wurde. Erst wenn man Ihnen sagt, dass sie keine Schulden mehr haben, sind sie erleichtert. Als BeraterIn mit Muttersprache Deutsch kann man in der Regel mit dieser Gruppe der KlientInnen besser umgehen, weil man einige Tools zur Verfügung hat und die eigene Sprache dem Gegenüber besser anpassen kann. Wenn hier von Tools die Rede ist, mag die Hoffnung aufkeimen, endlich eine Konkretisierung vorzufinden. Jedoch geht es hier ausschließlich um die Anpassung der eigenen Sprache dem Gegenüber, die eventuell das Gesprächsklima in der Beratung auflockert. Manche können in der Beratung den Wechsel zwischen Dialekt und Hochdeutsch bewusst steuern, Anderen geschieht es unbewusst: Eine Kollegin erzählte mir, dass sie bei einer Klientin aus Deutschland selbst auch angefangen habe, plötzlich Hochdeutsch zu reden, während sie bei einem Arbeiter aus Wien hin und wieder einige Wörter aus dem Wienerischen anklingen lasse.

Da unsere KlientInnen aus unterschiedlichen Ländern kommen, ist es nicht möglich, ihnen allen in der jeweiligen Muttersprache und nach vermeintlichen „kulturellen Hintergründen" eine Beratung anzubieten. Obwohl ich neben Deutsch und Türkisch auch andere vier Sprachen in unterschiedlichen Niveaus beherrsche, wäre ich kaum in der Lage, in diesen Sprachen eine Beratung zu führen. Es ist jedoch immer hilfreich, wenn ich in der jeweiligen Sprache kurzen Smalltalk führe. Kürzlich sprach ich mit einer Klientin aus Peru ein wenig Spanisch, weil das unser Vertrauensverhältnis förderte.
MigrantInnen aus bildungsfernen Schichten befinden sich oft in einem gesellschaftlichen Zwischenraum. Daher laufen die muttersprachlichen Beratungen auch nicht nur in der jeweiligen Sprache, sondern in Fragmenten immer auch auf Deutsch. Neulich, als eine serbische Frau ihrer Freundin meine Sätze übersetzte, war jedes sechste oder siebte Wort auf Deutsch. Wenn ich mit KlientInnen Türkisch rede, benutze ich Wörter wie Girokonto, Urlaub, eingeschriebener Brief, Treuhänder, Konkurs, Kindergarten, Kontoauszug, Mahnung, Dauerauftrag, Lebensversicherung u.a. auf Deutsch, weil die Mehrzahl der KlientInnen aus der Türkei diese Begriffe auf Türkisch kaum kennt. Einige deutsche Wörter haben sie – oft ganz anders ausgesprochen - in ihre eigene Alltagssprache integriert.

Wenn ich Türkisch spreche, kann ich meinen KlientInnen z.B. das Abschöpfungsverfahren kaum erklären, ohne die deutschen Wörter zu verwenden. Als ein türkischer Klient mich fragte, was „Treuhänder" auf Türkisch heißt, habe ich ihm das Wort auf Türkisch gesagt. Seine Antwort war: „Aha. Es ist also wurscht, ob Sie es auf Deutsch oder Türkisch sagen. Ich habe dieses Wort zum ersten Mal in meinem Leben gehört!" Mit einer perfekten Übersetzung über das Konkursverfahren, den Zahlungsplan und das Abschöpfungsverfahren können wir die MigrantInnen aus einer hohen Bildungsschicht erreichen, die aber überwiegend unsere Dienste nicht in Anspruch nehmen. Ich wähle in der Kommunikation daher eine angepasste Sprache. Ich habe beobachtet, dass auch KlientInnen z.B. aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien, wenn sie miteinander reden, immer wieder deutsche Wörter verwenden.

Zudem können wir auch kaum wissen, welche Sprachen unsere KlientInnen tatsächlich beherrschen und ob die offizielle Sprache die eigentliche Muttersprache ist. So fand Katharina Brizic1 heraus, dass bei vielen Einwanderern aus der Türkei sowie bei Roma und Sinti aus dem ehemaligen Jugoslawien, die offizielle „Erstsprache" oft eine Fremd- bzw. Zweitsprache ist. Viele MigrantInnen beherrschen sowohl die Mehrheitssprachen der Herkunftsländer als auch unentdeckt gebliebene Minderheitensprachen wie Kurdisch, Arabisch, Armenisch, Griechisch, Albanisch, Romanes u.a.
Als eine Beraterin mir sagte, sie habe das Gefühl, der Klient versteht sie nicht, weil er absolut kein Abschöpfungsverfahren möchte und mich ersuchte, dem Klienten das Verfahren zu erklären, ging ich ins Zimmer. Nach wenigen Sätzen stoppte der Schuldner mich und sagte, dass er alles verstanden habe, was ihm die Beraterin erklärt hatte. Die Beraterin verstehe allerdings nicht, dass er das Abschöpfungsverfahren nicht möchte. Es war kein Sprach-, sondern ein Kommunikationsproblem. Gedachte Sprachbarrieren spielen bei vielen BeraterInnen sowie KlientInnen eine Rolle. Auch wenn die Personen gebrochen Deutsch reden, ist ihr Passiv-Wortschatz meistens sehr groß.

Dolmetsch durch Begleitpersonen

Oft nehmen KlientInnen eine Person zum Dolmetschen in die Beratung mit, meist Familienmitglieder, was vielfach problematisch ist. Ich erinnere mich an einen Fall aus meiner eigenen Einschulungsphase in der Schuldnerberatung Wien. Ich habe damals an einem Beratungsgespräch einer Beraterin mit einem türkischen Ehepaar teilgenommen. Da die Beraterin mich kurz mit meinem österreichischen Nachnamen vorgestellt hat, erfuhr das Ehepaar nicht, dass ich Türkisch kann. Der Mann konnte kaum Deutsch und war auf die Übersetzung seiner Frau angewiesen. Er wollte wissen, ob sein Arbeitgeber erfährt, dass er den Konkurs macht und wollte kein Konkursverfahren, wenn das der Fall sein sollte. Seine Frau ignorierte all seine Fragen. Als die Beraterin dachte, dass die Frau gerade ihrem Ehemann die Informationen über den Zahlungsplan und das Abschöpfungsverfahren übersetzte, drohte die Frau ihrem Ehemann mit Scheidung, wenn er nicht den Konkurs mache: Sie und ihre Kinder haben nichts mehr zu Essen, können sich nichts mehr leisten. Wehe er sei gegen den Konkurs, dann lasse sie sich von ihm scheiden! Der Mann bekam von seiner Ehefrau keine einzige Information über das Konkursverfahren und die Schuldenregulierung.

In meiner Beratung bei KlientInnen, die für die Übersetzung mit einer Begleitperson kommen, habe ich einige Grundregeln:

  • Wie im obigen Fall sichtbar wird, müssen Übersetzungstätigkeiten von Personen übernommen werden, die in das Schuldenproblem nicht involviert sind und keine Eigeninteressen haben.
  • Im Gespräch habe ich mit der Klientin/dem Klienten Augenkontakt, und nicht mit der übersetzenden Person, auch wenn diese Person kein Wort Deutsch spricht. Sie soll wahrnehmen, dass es um sie selbst geht.
  • Ich verwende kurze Sätze und verlange von der übersetzenden Person, den Satz sofort zu übersetzen und akzeptiere nicht, wenn „Ich erkläre ihr später, wenn wir draußen sind" gesagt wird.
  • Die Antworten von Begleitpersonen: „Ich kenne ja die Antwort, ich sage Ihnen gleich, muss sie nicht fragen!" akzeptiere ich genauso wenig und verlange, dass mein Satz übersetzt wird und die/der SchuldnerIn meine Frage beantwortet, auch wenn die Begleitperson behauptet, die Antwort schon zu kennen.
  • Ich sage der Begleitperson, dass es um die nächsten fünf oder sieben Jahre geht und die/der SchuldnerIn sich daher gut auskennen muss. Aus diesem Grund ist die Übersetzung sehr wichtig.

In der Schuldnerberatung Wien konzentrieren wir uns ausschließlich auf das Schuldenproblem. Die Randprobleme sind relevant, solange sie für die Schuldenregulierung eine Rolle spielen. Diese Klarheit reduziert die KlientInnen nicht auf ihr vermeintliches Schuldenproblem, sondern ermächtigt sie, sich als handelnde AkteurInnen ihrer aktuellen Situation zu erleben. Die Person wird in weiterer Folge auf diejenigen Institutionen verwiesen, die speziell in anderen Fragen betreuen/beraten bzw. helfen können.

Eigene Vorurteile

Was die „Kultur" betrifft, habe ich persönlich nie ein Problem in meinen Beratungen. Bis dato gab es keine einzige Klientin und keinen einzigen Klienten, die/der sich geweigert hat, mir die Hand zu geben. Jedoch habe ich auch, wie jede andere Person, meine Bilder und Vorurteile im Kopf, die auch bewusst oder unbewusst die Beratung beeinflussen. So saß ich an einem heißen Sommertag in einem leichten Sommerkleid mit V-Ausschnitt im Büro und las, dass der nächste Klient laut Anmeldung ein afghanischer Staatsbürger ist. Sofort liefen die Bilder der Frauen, eingehüllt in einen Ganzkörperschleier, aus den Fernsehnachrichten durch meinen Kopf und ich betrachtete kurz meinen V-Ausschnitt, den ich bis dato nicht wahrgenommen hatte. Ich fühlte mich unwohl. Ins Zimmer kamen zwei Afghanen. Der zweite war als Unterstützung für den jüngeren Afghanen da. Ich erfuhr, dass er an der Sigmund Freud Privatuniversität studiert hat und derzeit dort arbeitet. Sogleich fühlte ich mich entspannter. Als der schüchterne Afghane mit seiner Begleitperson den Raum verließ, stellte ich fest, dass erst zwei Afghanen ins Zimmer kamen, aber nur ein Afghane den Raum verließ.

Soziale Fragen statt kulturelle Zuschreibungen

Was will ich damit sagen? Es gibt bürgerliche MigrantInnen, die über materiellen Wohlstand und Bildung verfügen. Es gibt MigrantInnen aus religiös verwurzeltem Milieu. Es gibt MigrantInnen aus dem Arbeitermilieu. Eine homogenisierende Kategorie der Gruppe „MigrantInnen" ist nicht möglich.
In der Regel gehören die meisten KlientInnen der Sozialen Arbeit, unabhängig vom Migrationshintergrund, hinsichtlich der Schulausbildung und des Verdienstes zur „bildungsarmen" Schicht. Auch in der Schuldnerberatung Wien spiegelt sich dieses Phänomen der ethnischen Unterschichtung von KlientInnen der Sozialen Arbeit wider.

Ich bin der Meinung, dass Helfen bzw. Beraten ohne Zuschreibung von kulturellen, religiösen, nationalen sowie ethnischen Besonderheiten möglich ist. Nationale oder religiöse Orientierungen bilden nicht die Grundlage für Konzepte der Alltagsbewältigung, sie sind wandelbar und unterliegen laufenden Prozessen der Aushandlung. Eine problem- und lösungsorientierte Beratung nimmt Abstand zu religiösen, ethnisierten oder kulturalisierten Zuschreibungen und hebt stattdessen die sozialen Probleme einer Teilgruppe hervor, ohne dass alle MigrantInnen als eine einheitliche Gruppe definiert werden.
Fakt ist, dass wir, um im Beratungsalltag an Informationen zu kommen, einige Fragen mehrmals stellen müssen. Dieses Problem wird jedoch im Zusammenhang mit KlientInnen mit ungenügenden Deutschkenntnissen eine echte Herausforderung. Ich verwende in der Beratung die Technik der Komplexitätsreduzierung, also der einfacheren Sprache, weil man ansonsten weder mit KlientInnen mit Deutsch als Muttersprache und noch weniger mit KlientInnen mit Migrationshintergrund weiterkommt. Verständliche Sprache und Komplexitätsreduzierung erleichtert all unseren KlientInnen mit unterschiedlichen Benachteiligungen den Zugang zu Informationen. Häufig wird die Beratung von MigrantInnen als problematischer erlebt, da sie eine hohe Anforderung an die kommunikative Kompetenz der BeraterInnen/ SozialarbeiterInnen stellt.

Da auch ich all die Muttersprachen unserer KlientInnen nicht beherrsche, fasse ich einige Empfehlungen vor dem Hintergrund der Standards intersektionaler Beratung2 zusammen:

  • KlientIn bekommt die Information, die er/sie wirklich braucht. Keine Erklärungen von A bis Z. Weniger ist mehr! Ich beschränke mich auf das Wesentliche! Nicht notwendige Einzelheiten lasse ich weg (kein breites Ausholen und kein paternalistisches Befürsorgen der KlientInnen).
  • Ich verwende möglichst keine Fachwörter/Fachbegriffe. Wenn ich sie brauche, erkläre ich sie.
  • Ich verwende die Wörter aus der Alltagssprache und übernehme auch die Wörter der KlientIn.
  • Ich bilde möglichst kurze und einfache Sätze. Das bedeutet allerdings nicht, die Sprache zu verkindlichen. Füllwörter und Phrasen lasse ich weg.
  • Wenn möglich, versuche ich eine bildhafte Sprache zu sprechen.
  • Das Wesentliche wiederhole ich mehrere Male.

MigrantInnen sind in mehrfacher Hinsicht zugehörig, eine Kulturalisierung beachtet aber nicht die Vielfalt, die strukturell, lebensweltlich und sozial bedingt ist und die auch thematisiert und reflektiert werden kann. Die Problemlagen bedürfen in erster Linie einer schichtspezifischen Analyse von Benachteiligungen.
Leider gibt es nicht nur Fremdzuschreibungen. Auch die kulturell-ethnische Selbstzuschreibung ist beobachtbar. Als ich als Vereins- und Projektberaterin beim Wiener Integrationsfonds gearbeitet habe, gab es einige muttersprachliche BeraterInnen, die immer für die jeweiligen Sprachgruppen Beratungen angeboten und behauptet haben, dass die Beratung sehr kulturspezifisch sei und nicht dokumentiert werden könne. Die KlientInnen aus der Türkei bedürfen einer Beraterin/eines Beraters aus der Türkei. Das heißt, dass auch die BeraterInnen mit Migrationshintergrund die MitarbeiterInnen der Mehrheitsgesellschaft mit solchen Aussagen verunsichern und sich somit einen speziellen Arbeitsplatz schaffen.

Überschuldungsursachen

Was die Ursachen der Überschuldung betrifft, sehe ich kaum kulturspezifische Unterschiede. Laut Wirtschaftskammer hat jede/r dritte GründerIn in Österreich Migrationshintergrund (Quelle). Was treibt MigrantInnen in die Selbstständigkeit? Die überwiegende Mehrheit der MigrantInnen, die wir beraten, gehören bildungsfernen und ärmeren Schichten an. Am regulären Arbeitsmarkt haben sie kaum Chancen, einen gut bezahlten Job zu bekommen und sind häufig in den am schlechtesten bezahlten Branchen tätig. Ihre Aufstiegschancen sind sehr gering. Die Selbstständigkeit bedeutet vielfach die einzige Lösung, obwohl sie über wenig Eigenkapital verfügen. Sprachliche Barrieren, eine schlechtere finanzielle Ausstattung und fehlende Informationen über das Rechtssystem in Österreich führen schon in den ersten Jahren nach der Gründung zu Problemen.

Einiges, was man nach erster Beobachtung als „kulturbedingt" einstuft, hat bei einer genauen Betrachtung wirtschaftliche Gründe. Prozesse der Ethnisierung von sozialen Unterschieden und Unterschichtung werden hier wirksam3. Ein Beispiel für MigrantInnen aus der Türkei: Das Sozialsystem in der Türkei hat verglichen mit Österreich einen gewaltigen Verbesserungsbedarf. Man ist in Notsituationen auf die Hilfe der Familienmitglieder angewiesen. Einige unserer KlientInnen machen Schulden, um ihre Familienmitglieder in ihren Ursprungsländern in Notfällen (Begräbniskosten in Serbien, Alterssorge der Eltern in der Türkei etc.) finanziell zu unterstützen. Dieser Zusammenhalt wird oft als ein traditioneller und kulturbedingter Wert eingestuft. In der Realität bilden die Familienmitglieder ein Sozialsystem, weil der Staat diese Aufgabe nicht übernimmt. Das bedeutet nicht, dass alle sich innerhalb der Familie mehr lieben als österreichische Familien. Natürlich werden aufgrund dieser Zwangsjacke auch die Beziehungen enger, sodass man die Gründe als Mitglied so einer Familie nicht mehr nachvollziehen kann.
Da ich in all den Jahren in der Schuldnerberatung keine/n einzige/n KlientIn aus der Türkei hatte, die/der wegen Hochzeitskosten Schulden machte, habe ich andere KollegInnen nach ihren Erfahrungen gefragt. Wenn es dieses Problem auch geben sollte, scheint es sehr selten vorzukommen. Es gibt mehr MigrantInnen, die wegen Wohnraumschaffung auf Kredite angewiesen sind und somit Schulden machen.

Was sind die häufigsten Schuldenursachen der MigrantInnen? Arbeitslosigkeit, gescheiterte Selbstständigkeit, Scheidung, Unterhaltszahlungen etc. sind die Gründe, die maßgeblich erhoben werden. Somit unterscheiden sie sich kaum von Mitgliedern der autochtonen Mehrheitsgesellschaft. Was die Schuldenstrukturen betrifft, gibt es allerdings auch innerhalb der Gruppen Unterschiede, weil das Konsumverhalten unterschiedlich ist. Während etwa KlientInnen aus der ersten Generation - die oft Wörter wie Kontoauszug oder Girokonto auf Türkisch nicht kennen, weil sie eventuell in der Türkei noch kein eigenes Konto gehabt haben oder aus ländlichen Gebieten stammen - kaum Konsumkredite aufgenommen haben, sind ihre Kinder in der Konsumgesellschaft angekommen und kommen mit Handyschulden etc. zu uns.

Die besondere Gewichtung von „Kultur" erweist sich – bei näherer Betrachtung – oft als irreführend, weil sie Glauben macht, dass Probleme von KlientInnen in erster Linie oder maßgeblich die Konsequenzen ihrer „ethnischen Herkunft" oder ihres „kulturellen Hintergrundes" seien. Meiner Erfahrung nach ist das der Grund dafür, warum wir keine generellen (außer den obigen Empfehlungen) Handlungsanweisungen in der Beratung mit MigrantInnen finden können und als BeraterInnen überfordert sein können.

 

 

Fußnoten:

1 - vgl. Brizić, K. (2006): Das geheime Leben der Sprachen. Eine unentdeckte migrantische Bildungsressource. Kurswechsel 21 (2)

2 - vgl. Walby, Sylvia; Armstron, Jo; Strid, Sofia (2012):. In: Sociology, April 2012, Vol.46(2). 224-240

3 - vgl.: Hamburger, Franz (1999): Modernisierung, Migration und Ethnisierung. In: Gemeinde, Marion; Schröer Wolfgang; Sting Stephan (Hrsg.): Zwischen den Kulturen. Weinheim und München: Juventa. 37-53 sowie Henseler, Joachim (2006): Mobilität und Migration in der Einwanderungsgesellschaft. Zur Bestimmung von sozialer Integration und kollektivem Lernen. Versuch einer allgemeinen Theorie der Sozialpädagogik. Habilitationsschrift, eingereicht an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt.

 

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